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August 09 2011

finkregh

Ich bin eine Frau. Ich habe zwei Brüste, eine Gebärmutter. Ich trage keine Hosen, meine Haare sind lang. Meine Fuß- und Fingernägel sind lackiert. Ich gehe so gut wie nie ungeschminkt aus dem Haus. Ich fahre einen Kleinwagen, interessiere mich nicht sonderlich für Technik. In meiner Freizeit nähe ich gerne und treffe mich mit Freunden.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in der die eindeutige geschlechtliche Zuordnung eines der Hauptbedürfnisse zu sein scheint. In der es notwendig ist, sich einem Lager zuzuordnen. Dieses Lager bietet mir Handlungsvorgaben. Zu Körpersprache, Lieblingsfarben, Gesprächsthemen, Literaturempfehlungen, Gehaltsstufen, Karriereverläufen. Alles muss eindeutig sein, verständlich, klar abgegrenzt. Die obige Beschreibung meiner Person umfasst (nicht ganz zufälligerweise) eindeutig weibliche Eigenschaften. Oder etwa nicht?

Führt nicht allein die Tasache, dass ich Brüste und lange Haare habe dazu, dass ich als Frau identifiziert werde? Und jeder weitere Schritt führt zur Verdeutlichung meiner Rolle, macht mein Gegenüber sicherer, dass es recht hat mit seiner Einschätzung. Und dass alle weiteren impliziten Annahmen jetzt bestimmt auch noch auf mich zutreffen werden.

Warum kann ich nicht ausnahmsweise mal anders klassifiziert werden? Ist ja klar, dass Du am liebsten Schokoladen-Eis isst, du bist ja auch Rechtshänderin. Seid doch mal ein bisschen kreativer!

Ich lebe in einer geschützten Welt, in einer Blase voller gendersensibler Menschen. Trotzdem ist mein Alltag geprägt durch mein Geschlecht. Muss ich mir zum Beispiel gefallen lassen, dass mir Menschen nachpfeifen? Und wenn ich mich darüber beschwere, reagiere ich dann wirklich empfindlich und sollte mich statt dessen lieber mal über das Kompliment freuen? Muss ich in der Autowerkstatt „Frollein“ genannt werden? Der man geduldig und langsam erklärt, was zu tun ist? Anstatt dass einfach akzeptiert wird, dass ich mir erlaube, bestimmte Dienstleistungen an andere abzutreten. Und dass ich mir niemals merken werde, warum mein Auto jetzt diese Geräusche macht. Und dass das nichts damit zu tun hat, dass ich Eierstöcke habe, sondern einfach nur einem jahrelang gepflegtem Desinteresse geschuldet ist? Muss ich mich wirklich darüber freuen, wenn mir jemand sagt, ich sei „appetitlich“ und mir dabei in den Ausschnitt starrt? Und mich dann noch ernsthaft verteidigen, wenn ich das vermeintliche Kompliment abwehre? Dass ich in Diskussionen im Notfall mit „Schätzchen“ angesprochen werde oder mir mangelnde Sachlichkeit vorgeworfen wird, und zwar ausgerechnet von den Personen, die vorher die Schätzchen-Karte gezogen haben? Dass Professoren über meinen Forschungsschwerpunkt herziehen oder genderneutrale Sprachregelungen boykottieren? Denen zu weiblichen Doktoranden nur Angebote zur Kinderbetreuung einfallen? Dass ich ernsthaft die Quote diskutieren muss, „weil dann ja die schlechteren Frauen die besseren Männer verdrängen“? HALLO?!
Und das im Jahr 2011. Gibt eine eindeutige Zuschreibung tatsächlich so viel Sicherheit, dass sie unverzichtbar ist?

Die Konfrontation mit diesen Themen und den Personen, die sie vertreten, oder sich der beschriebenen Strategien bedienen, führt manchmal zur absoluten Fassungslosigkeit, zu Entsetzen. Und im schlimmsten Fall zu Ohnmacht.
Macht aus mir nicht die Person, die euch gut in den Kram passt. Lasst mich da raus.

Wut «
Reposted bygendrrr gendrrr

June 17 2011

May 21 2010

finkregh

Leena Simon hat als für den stellvertretenden Parteivorsitz kandidiert. Dass sich außer ihr keine Frau um ein Vorstandsamt beworben hat, war ein Faktor für ihre kurzfristige Entscheidung, den sie auch in ihrer Kandidatinnenrede transparent gemacht hat. Darüber hinaus positionierte sie sich – im Gegensatz zu einigen ihrer Konkurrenten – zu Fragen wie Atomkraft, Bildung, Freie Software, um ihre Arbeitsschwerpunkte und Kompetenzen deutlich zu machen. Im Anschluss antwortete die Kandidatin auf Fragen aus dem Plenum. Die Schlange vor dem Mikrofon war deutlich länger als bei allen anderen Kandidaten und unter den Fragestellenden waren deutlich mehr Frauen. Bis auf wenige Ausnahmen ging es um Leenas Position in der Genderdebatte, um ihr angebliches Fehlverhalten bei der Gründung einer Mailingliste für Piratinnen und der Herausgabe einer Presseerklärung zu diesem Thema. Der Ton war oft wütend und feindselig, Parteimitglieder versuchten Leena mit immer gleichen Fragen danach, ob denn eine Frau zu sein ihrer Meinung nach als Qualifikation für das Amt ausreiche und ob sie noch irgendwelche anderen Themen außer diesem Gender habe, festzunageln. Leenas Reaktionen waren bewundernswert souverän und am Ende sprangen immerhin 28,2 Prozent der Stimmen dabei raus. Ein Ergebnis im Mittelfeld der Kandidaten. Der Parteivorstand der Piratenpartei besteht am Ende von Bingen ausschließlich aus Männern.

Für mich hat dieser Parteitag gezeigt, dass eine Debatte über Geschlechterpolitik bei den Piraten zurzeit sinnlos ist. Da stellen sich Frauen hin und finden allen Ernstes, dass es kein Problem gibt, dass sie in diese Partei eingetreten sind, weil für sie Kategorien keinen Rolle mehr spielen und sie nicht zwischen Männern und Frauen unterscheiden wollen. Schön. Warum ist die Kategorie Geschlecht dann aber doch so wirkmächtig, dass sich keine einzige Frau (außer Leena Simon) fin[...]

i heart digital life » Postgender in Bingen
Tags: piraten gender

May 15 2010

finkregh

Man mag es kaum glauben, es wurde sogar nach genderunabhängigen Toiletten gefragt. Únfassbar, was sich dort abgespielt hat. Nur hat es überhaupt nicht funktioniert. Je länger die Fragerunde andauerte, um so mehr zeigte sich, dass Lena durchaus die Kraft, das Wissen und die politische Vorstellung hat, um stellvertretende Vorsitzende der Piraten zu werden. Sie hat Eier, mehr als die Fragenden, die nur das Ziel hatten, Lena Simon als Frau und Piratin zu diskreditieren.

Meine Meinung zu den Piraten ist bekannt, doch diese Fragerunde hat auch mich überrascht und ich bin ziemlich erschrocken. Dass solche Dinge im jahr 2010 möglich sind, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich denke, Fassungslosigkeit beschreibt es ziemlich gut. Im derzeitigen Zustand ist die Piratenpartei ein testosterongesteuerter Kindergarten. Man kann eigentlich nur hoffen und beten, dass ich mit dieser Einschätzung Recht behalte.

Ein paar Reaktionen:

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Die Piraten – ein bösartiger Kindergarten ist nichts dagegen » F!XMBR
Reposted byekeliasdigitalekulturresearchRollomondkroetevoisard
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